Geschichte der Schokolade
Die Geschichte der Schokolade ist eine Geschichte der Verwandlungen: vom bitteren Gewürzgetränk der Mittelamerikaner über das Luxusgut europäischer Höfe zur Tafel für alle — in gerade einmal drei Jahrhunderten Industriegeschichte.
Kakao in Mittelamerika
Kakao wurde in Mittelamerika über Jahrtausende kultiviert. Bei Maya und Azteken war er Getränk, Opfergabe und Währung zugleich: Xocolātl, ein bitteres, mit Chili, Vanille und Gewürzen versetztes Kakaogetränk, war Herrschern und Würdenträgern vorbehalten — und mit Kakaobohnen konnte man auf dem Markt bezahlen. Zucker kannte diese Kakaokultur nicht.
Die Ankunft in Europa
Mit den spanischen Eroberern kam der Kakao nach Europa — als Wegmarke gilt das Jahr 1528, als Hernán Cortés Kakao an den spanischen Hof brachte. Die Spanier machten aus dem bitteren Gewürztrank ein gesüßtes Modegetränk, das sich über die Höfe Europas verbreitete. 1657 eröffnete in London das erste „Chocolate House“ — das Kaffeehaus-Pendant für Trinkschokolade. Bis ins 19. Jahrhundert blieb Schokolade fast ausschließlich ein Getränk der Wohlhabenden.
1828: Van Houtens Presse
Den Wendepunkt brachte ein niederländischer Chemiker und Chocolatier: Coenraad Johannes van Houten patentierte 1828 eine hydraulische Presse, die der Kakaomasse einen Großteil der Kakaobutter entzog. Übrig blieb entfetteter Kakaopresskuchen — die Grundlage des löslichen Kakaopulvers. Ebenso wichtig: Die abgepresste Kakaobutter stand nun als eigener Rohstoff zur Verfügung.
1847: Die erste Tafel
Genau diese Kakaobutter machte die Tafel möglich: Die englische Firma J. S. Fry & Sons goss 1847 erstmals eine Masse aus Kakaopulver, Zucker und zusätzlicher Kakaobutter in Formen — die erste Essschokolade moderner Machart. Aus dem Getränk war ein fester Genuss geworden.
Schweizer Erfindungsjahre
Zwei Innovationen aus der Schweiz vollendeten die moderne Schokolade: 1875 brachte Daniel Peter in Vevey — unter Verwendung des Milchpulvers seines Nachbarn Henri Nestlé — die Milchschokolade zur Marktreife. Und 1879 erfand Rodolphe Lindt in Bern das Conchieren: das stundenlange Rühren und Belüften der Schokoladenmasse, das Feuchtigkeit und Säuren austreibt und aus der bis dahin bröckeligen, sandigen Masse eine zartschmelzende macht. Beide Verfahren sind bis heute Standard.
Vom Luxus zum Alltagsgut
Mit Industrialisierung, sinkenden Zuckerpreisen und Massenproduktion wurde Schokolade im 20. Jahrhundert zum Alltagsprodukt — und Deutschland zu einem der größten Schokoladenmärkte und -exporteure der Welt. Die jüngste Entwicklung dreht die Geschichte gewissermaßen zurück zu den Wurzeln: Bean-to-Bar-Manufakturen arbeiten wieder in kleinen Chargen mit rückverfolgbaren Herkunftskakaos — und Themen wie faire Erzeugerpreise und nachhaltiger Anbau bestimmen die Debatte.